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Tag 36
von Finisterre nach Muxía
Samstag, 24. Mai 2008
 

Ich schlafe lange, wache aber völlig erholt auf. Kein Fieber, kein Magengrummeln. Hurra! Im Esssaal erwartet mich ein für 3,00€ recht üppiges Frühstück. Hier treffe ich die beiden Österreicher und wir verabschieden uns voneinander - ein weiterer Abschied!

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Gegen 9:15 Uhr breche ich zur letzten Etappe meines Caminos auf.

Ich erlebe zunächst einen wunderschönen Spaziergang durch üppiges Grün. Der Weg führt leicht bergan, und ich habe einen tollen Ausblick über die Bucht von Finisterre. Leider setzt nach etwa einer Stunde erneut Regen ein, zunächst nur leicht, dann immer kräftiger. Während eines besonders heftigen Wolkenbruchs suche ich Unterschlupf unter dem Dach einer Scheune. Nach einer Weile kommt die Besitzerin und fragt mich, ob ich eine Tasse Kaffee haben möchte. Ich möchte nicht, bedanke mich für das Angebot und freundlich winkend geht sie wieder in das naheliegende Haus zurück.

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jw 36 09Der Regen schwächt sich ab, und ich wandere etwa zwei Stunden lang durch einen erträglichen Landregen. Schließlich hört er ganz auf, der Himmel bleibt jedoch grau. Der Camino führt nun teils durch ein recht unwegsames Gelände. Üppiges Buschwerk, Bäume und ein völlig aufgeweichter Waldboden verstellen oftmals den Weg. Es muss kürzlich einen Sturm gegeben haben, denn der Weg ist vor lauter abgeknickten Ästen nur schwer begehbar und teilweise ist er kaum auszumachen.

jw 36 12Irgendwo habe ich wohl einen Abzweig verpasst, denn ich finde mich plötzlich an einem Weg parallel zu einem großen Sandstrand wieder. Dahinter erstreckt sich das Meer, was für eine Wohltat für die Augen. Der Camino verläuft ein Stück weiter östlich, aber das macht nichts. Ich genieße die Strandwanderung!

Eine Bar mit Meerblick lädt zu einem café con leche ein. Ich setze mich mit Blick auf das Wasser auf eine Terrasse und kaum dass ich mein Getränk bekomme, bricht sich die Sonne ihre Bahn durch die Wolken. Es ist ein grandioser Ausblick, und ich empfinde das als einen Abschiedsgruß des Caminos.

 

Spontan fühle ich, dass mein Camino hier und jetzt endet!

 

Es ist ein wirklich ergreifender Moment, sehr viel intensiver als der Anblick der Kathedrale in Santiago! Wieder fühle ich, dass ich kein Pilger sondern ein Reisender bin. Ich bleibe sehr lange sitzen, lasse meine Wanderung noch einmal Revue passieren und beende innerlich meine Reise. Dazu blättere ich durch die Bilder meiner kleinen Digitalkamera und stelle fest, dass ich immer weniger Fotos aufgenommen habe, je weiter diese Reise fortschritt. Offensichtlich verschieben sich auf dem Camino doch die Prioritäten!

Nach nunmehr 5 Wochen täglicher Wanderung ist es vollbracht. Es war eine ereignisreiche Zeit, ein Ausstieg aus dem Alltag mit allen Höhen und Tiefen, guten und weniger guten Tagen. Interessante Bekanntschaften mit sympathischen Menschen und Ekelpaketen haben meinen Weg ebenso geprägt wie unerwartete Überraschungen, die abwechslungsreichen Landschaften sowie die Bauwerke am Wegesrand.

Vor allen Dingen war es aber auch eine sehr anstrengende Zeit. Ich bin schätzungsweise 1200 Kilometer gelaufen, überwiegend alleine und mit oft schmerzenden Füßen, eine Herausforderung, die gemeistert zu haben mich ein wenig mit Stolz erfüllt! Es war gut, den Camino gegangen zu sein. Er hat aus mir sicher keinen anderen Menschen gemacht, aber vielleicht einen etwas dankbareren.

jw 36 13Die letzten wenigen Kilometer nach Muxía möchte ich nun nicht mehr laufen. Ich habe einen Schlussstrich unter meine Wanderung gezogen, und über meinen Abschied vom Camino ist es spät geworden. Daher lasse ich ein Taxi kommen, welches mich an meinen Zielort fährt. Das Büro, in der es die Urkunde gibt, erreiche ich über blumenbestreute Straßen. Offenbar wurde ein Heiligenfest gefeiert oder eine Prozession abgehalten. Ich hole mir die letzte Urkunde meiner Pilgerreise. Dieses Schriftstück hat im Gegensatz zur Compostela keine historische Bedeutung, stellt jedoch eine schöne Erinnerung an das Ende meiner Pilgerreise dar.

Auf einer Kaimauer sitzend erwarte ich Elke, die etwa zwei Stunden später mit einem Mietwagen vorfährt. Gemeinsam fahren wir in unser Hotel und in eine Woche gemeinsamen Urlaub.

Die Zivilisation hat mich wieder, und das ist auch gut so!

 
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