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Tag 35
von Olveiroa nach Finisterre
Freitag, 23. Mai 2008
 

Dies war definitv meine letzte Nacht in einer Pilgerherberge! Der Abschied von diesen Häusern wird mir leicht gemacht. Gestern Abend lagen gegen 21:30 Uhr 12 von 14 Pilger in ihren Betten und die meisten schliefen schnell ein. Um 21:57 Uhr platzten lauthals die letzten beiden herein, schalteten rücksichtslos das Licht an und gingen laut lachend und schwatzend ins Bett. Auf das Schimpfen einiger der Geweckten lachten sie nur noch mehr und gaben zu bedenken, dass die Nachtruhe erst um 22:00 Uhr beginnt, sie also noch 3 Minuten laut sein dürften. Eine Unverschämtheit. Natürlich waren es wieder Deutsche!

Danach dauerte es ewig, bis ich wieder einschlafen konnte. Es war kühl, sehr feucht und trotz eines geöffneten Fensters war die Luft stickig und schlecht. Es befanden sich einfach zu viele Menschen und zu viele nasse Klamotten in diesem Raum. Hinzu kamen noch die obligatorischen Schnarcher, insbesondere der Mann am Ende des Raumes war unerträglich laut! Immer wieder ging einer der 13 übrigen Pilger an sein Bett und schubste ihn sanft an. Darauf drehte er sich, es herrschte drei Minuten Ruhe, und das Sägen ging weiter. Es dauerte Stunden, bis auch ich wieder ein wenig Schlaf fand.

Um 6:45 Uhr beginnt das Packen, an sich eine normale Zeit. Aber man sieht den Leuten die unruhige Nacht an. Und ausgerechnet der Schnarcher - der ja als einziger durchgeschlafen hat - beklagt sich über den frühen Aufbruch der anderen. Überhaupt sind hier wieder einmal 12 von 14 Leuten aus Deutschland, nur die beiden Franzosen von gestern Abend sorgen für ein wenig internationales Flair. Heute Abend nehme ich mir ganz sicher ein Zimmer, und ab morgen bin ich dann eh mit Elke in einem Hotel! Nein, die Herbergen werden mir ganz sicher nicht fehlen!

jw 35 02Um 7:05 Uhr beginnt meine heutige - vorletzte - Wanderung nach Finisterre. Kaffeepause ist im nächsten Ort geplant, gut eine Stunde von Olveiroa entfernt. Zunächst ist das Wetter richtig angenehm. Nach einer halben Stunde setzt jedoch ein leichter Nieselregen ein. Der ist jedoch überhaupt nicht schlimm. 15 Minuten später regnet es dann etwas kräftiger - aber auch das ist noch kein Problem. Wiederum 5 Minuten später schüttet es urplötzlich extrem. Ich suche Zuflucht unter dem Dach einer Bushaltestelle. Hier stehen schon Maria und Co. Wir warten sicher eine viertel Stunde, aber der Regen lässt nicht nach. Maria weiß von einer Bar, etwa 2 Minuten von hier entfernt. Da es nun auch windig und somit unangenehm kalt wird, rennen wir dorthin. Klatschnass betreten wir den Speiseraum und frühstücken erst einmal.

Fast eine Stunde lang trinken wir einen café con leche nach dem anderen, währenddessen der Regen immer noch stärker wird. Hinzu kommt jetzt noch ein dichter Nebel. Das Wasser läuft in Bächen über die Straßen, Feld- und Waldwege sind völlig aufgeweicht. Einer der Österreicher geht kurz vor die Türe und testet den Zugang zur Bar. Er sinkt knöcheltief in den Matsch. Weitergehen macht weder Sinn noch Spaß, zumal der Wirt bestätigt, dass sich das Wetter heute nicht mehr ändern wird. Wir Männer beschließen, uns ein Taxi nach Finisterre zu teilen. Maria möchte jedoch unbedingt zu Fuß weiter gehen.Sie lässt sich nicht umstimmen, und stapft schließlich alleine los.

Kurz darauf fährt das bestellte Taxi vor. Es wartet auf der Straße, da der kurze Feldweg zur Bar nicht mehr befahrbar ist. Die wenigen Meter bis zum Fahrzeug genügen, um wieder völlig nass zu werden.

Während der Taxifahrt wird mir speiübel. Ich muß mich schwer zusammenreißen und in Finisterre angelangt übergebe ich mich erst einmal in einen Busch. Ich habe jetzt wahnsinnige Kopfschmerzen, sicher trägt auch die letzte Nacht daran Schuld. Die Österreicher erkundigen sich nach einem Hotel. Dieses liegt auf einer Anhöhe, etwa 20 Minuten zu Fuß entfernt, doch der Weg hinauf ist mir im Moment nicht möglich. Sie gehen schon mal vor, und reservieren auch für mich ein Zimmer, ich erhole mich zunächst in einer Bar bei einem Glas Wasser, und beobachte eine leere Straße, da bei diesem Sauwetter sich niemand draußen aufhält.

Es hilft nichts! Nach vielleicht einer Stunde ist mir immer noch übel, aber ich schleppe mich zu dem Hotel. Die Österreicher haben ein Doppelzimmer, ich eines für mich alleine. Das Zimmer ist günstig - und riesig, ein Bett steht verloren im Raum, dazu ein endlos großes Bad, beides zusammen sicher 100 Quadratmeter groß, dazu kommt noch ein kleinerer Flur. Ich habe jetzt leichtes Fieber und lege mich erst einmal hin. Sofort falle ich in einen tiefen Schlaf.

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Erst am Nachmittag wache ich auf, fühle mich jedoch deutlich besser. Ich dusche knallheiß, und begebe mich dann in die hiesige Herberge, um mir die Urkunde von Finisterre zu abzuholen. Hier ist der Teufel los. Pilger stehen in langen Schlangen für ein Bett an, und es ist nervig laut. Ich beschließe später wieder zu kommen, und suche mir ein Restaurant für Kaffee und Kuchen. Der Kuchen ist halbwegs in Ordnung, aber der café con leche ist grauenhaft. Der mit Abstand schlechteste Kaffee auf der gesamten Reise, geradezu ungenießbar. Ich lasse ihn fast unberührt stehen.

In einem gegenüberliegenden Restaurant sehe ich Maria. Ich gehe zu ihr. Da es hier Kleinigkeiten nur für Kinder gibt, bestelle ich Nudeln, und sie berichtet mir, wie sie tapfer im Nebel durch den Matsch stapfte. Dann gehen wir gemeinsam in die Herberge, sie bekommt ein Bett, ich meine Urkunde. Wir verabschieden uns voneinander. Sie ist wirklich ganz nett, hat aber eine überschwengliche, etwas anstrengende Art, so dass mir der Abschied nicht sehr schwer fällt, aber ein weiterer Abschied ist es allemal. Mein Camino neigt sich spürbar mehr und mehr dem Ende entgegen.

Dann setze ich mich in eine Bar und trinke ein großes Bier. Es regnet noch immer. Hier treffe ich den Vater von Angela, der Geigenspielerin. Wir unterhalten uns, und ich erfahre, dass er gar nicht ihr Vater ist. Ich habe ihn nur dafür gehalten, da sie stets gemeinsam unterwegs waren und sehr vertraut schienen. Sie haben sich aber erst in St. Jean kennengelernt. Er erzählt, dass Angela dort gut 20 kg Gepäck dabei hatte, also noch einmal 4-5 kg mehr als ich. Nun ist sie aber eher schmächtig und hätte das niemals geschafft. Aber sie ist wohl auch stur, und es bedurfte massiver Überredungskünste - und die Unterstützung der dortigen Herbergsmutter -, um sie davon zu überzeugen, einiges von dem Gepäck nach Finisterre vorauszuschicken. Schließlich hat sie immerhin 8 kg aufgegeben. Im Anschluss an die erste Etappe nach Roncesvalles sah sie die Sinnhaftigkeit ein, und schickte noch einmal 4 kg hinterher. Jetzt sei sie am Bahnhof, um die Sachen abzuholen.

jw 35 04Ich bringe die Urkunde auf mein Zimmer, danach begebe ich mich zu dem kleinen Hafen. Ich fühle mich immer noch nicht so richtig wohl, also bestelle ich nur einen großen Salat. Vroni setzt sich hinzu, ich habe sie ein- oder zweimal auf dem Camino gesehen, aber nie mit ihr gesprochen. Sie hat das Bedürfnis, ihre Erlebnisse zu berichten, ihre Art sich vom Camino zu verabschieden. Sie ist eine gute Erzählerin, ich lasse sie reden, und trinke einige Gläser Tafelwasser. Lieber wäre mir zwar ein Bier, aber ich traue mich nicht, da mein Magen immer noch etwas rumort.

Zurück im Hotel erfahre ich, dass es morgen erst um 8:30 Uhr Frühstück geben wird. Das ist mir aber ganz recht, und ich lege mich hin, in der Hoffnung mich bis morgen früh gesund zu schlafen.

 
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