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Tag 33
von Santiago de Compostela nach Negreira
Mittwoch, 21. Mai 2008
 

Ich wache auf und höre - NICHTS!

Es herrscht völlige Stille im Kloster, die Atmosphäre ist feierlich und besinnlich. Die karge, aber zweckmäßige Einrichtung meiner Zelle trägt zu dieser beschaulichen Atmosphäre bei. Die Umgebung wirkt weltfremd, aber man fühlt sich zugleich sehr geborgen. Eine Weile bleibe ich noch liegen und genieße einfach die Ruhe, die von den massiven Mauern ausgeht!

Irgendwann stehe ich dann doch auf, und gehe durch lange, leere Gänge in den Frühstücksraum. Es übernachten nur wenige Menschen im Kloster, was die Ruhe eindrucksvoll unterstreicht.

jw 33 02Im Esssaal sind nur wenige Plätze gedeckt, vielleicht für zehn oder zwölf Personen. Sechs Pilger - wieder einmal ausschließlich deutsche Landsleute frühstücken bereits. Vier von ihnen sitzen schweigsam kauend an einem kleinen Tisch. Nur wenige Worte werden gewechselt. Offenbar genießen auch sie die Besinnlichkeit dieser Räume.

Ganz anders das Pärchen, zu dem ich mich aufgrund der Gedecke zwangsläufig setze. Sie begrüßen mich mit der Aufforderung, einige Sätze zu sagen. Die Frau wäre eine Meisterin darin, am Dialekt zu erkennen, woher ihre Mitmenschen stammen. Ich begrüße sie also mit einigen Worten. "Hmmm, das wäre schwierig, ich würde ja Hochdeutsch sprechen..." Sie beraten sich kurz und dann verkündet sie stolz "Aus Hamburg!" Wow, was für eine Treffsicherheit! Ich wußte bislang gar nicht, daß Hamburg und Köln zum gleichen Dialektkreis gehören. Ich lasse sie in ihrem Glauben, und sie brüstet sich damit, dass sie nicht nur bei Deutschen stets wisse, wo diese aufwuchsen. Auch Spanier zum Beispiel wären leicht zuzuordnen, und das, obwohl sie die Sprache nicht spricht. Aber sie würde halt über das "absolute Gehör" verfügen, und darauf wäre sie besonders stolz. Ich bin wirklich tief beeindruckt!

Der Mann möchte gerne wissen, ob ich bis nach Finisterre gehen möchte. Ich bejahe das, und er sieht mich mitleidig an. Das würde er mir keinesfalls empfehlen. Er selber hätte das ja geschafft, aber es sei unglaublich anstrengend gewesen. Da ist sie wieder - deutsche Egozentrik. Auf die Idee, dass irgend jemand - außer ihm - 30km gehen kann, ohne hinterher gleich ein Sauerstoffzelt zu benötigen, kommt er erst gar nicht. Er ist halt der Massstab!

jw 33 03Eine sehr freundliche Dame bringt Brötchen, Aufschnitt und Käse, und fragt uns in gebrochenem Deutsch, ob wir lieber Kaffee oder Tee möchten. Laut verkündet die selbsternannte Sprachwissenschaftlerin, dass die Frau ganz sicher aus dem südlichen Mallorca stammt! Es reicht. Mit der Bemerkung, dass ich noch Tagebuch schreiben muss (was ja auch stimmt), setze ich mich an einen anderen Tisch, und frühstücke alleine. Doch die Ruhe ist dahin. Der Camino ruft, es juckt in den Beinen, und kurz nach 9:00 Uhr bin ich auf dem Weg hinaus aus der Stadt.

jw 33 06Bis nach Muxía sind es noch vier Etappen von je etwa 30km. Dann werde ich 36 Tage lang - also über fünf Wochen - täglich im Schnitt knapp 30 Kilomter gewandert sein. Das genügt vorerst! Ich freue mich sehr auf das Ende der Reise, und darauf, mit Elke einige Tage Urlaub zu haben, und nicht wandern zu müssen! Doch vorderhand genieße ich noch die letzten Kilometer!

jw 33 05Die heutige Etappe ist zunächst sehr urban, dann verläuft der Weg wieder durch die Natur. Ohne außergewöhnliche Erlebnisse erreiche ich nach einer Pause in Alto do Vento und einem weiteren café con leche im Nirgendwo die Herbege in Negreira. Leider fängt es auf den letzten Kilometern ein wenig an zu regnen, aber das ist hier in Galizien nicht ungewöhnlich. Dafür ist die Flora um mich herum unglaublich grün! Die Luft ist aromatisch und es duftet überall nach frischer Wiese und Wald.

jw 33 07In der Herberge treffe ich Maria und Willi, den Stürmer zu der Herberge mit dem steilen Aufgang in Puente la Reina. Ihn habe ich seit vier Wochen nicht mehr gesehen. Er ist zwischenzeitlich völlig locker geworden. Seine Hektik hat er wohl auf dem Camino verloren.

jw 33 08Ich laufe noch ein wenig durch die Stadt, die mir aber - abgesehen von einer lustigen Statue - nicht sonderlich viel zu bieten hat. Zum Abendessen gibt es heute eine Pizza und ich beschließe den Tag mit zwei oder drei großen Gläsern Bier!

 
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